Sechs gute Gründe für das Reisen!

Benno Schmidt kam nicht weiter, denn zwischen ihn und seinen Weg hatte sich über Nacht eine Grenze geschoben. Die 1961 errichtete innerdeutsche Mauer schnürte seinen liebsten Reiseweg ab: Den Aufstieg zum Brocken. 28 Jahre später, im Dezember 1989, gehörte Benno Schmidt zu den ersten Wanderern, die auf die Absperrung zu drängten. Seither ist Herr Schmidt längst ins Guinness-Buch der Rekorde eingezogen: Mehr als 8.000 Mal hat „Brocken-Benno“ den geliebten höchsten Gipfel des Harzes bestiegen. Reisende sind nicht aufzuhalten. Und wenn sie doch einmal gestoppt werden, haben sie einen verdammt großen Nachholbedarf. Darum ist es ziemlich absurd, wenn Politiker ihr green-washing auf die Spitze treiben und das Reisen reglementieren oder gar verbieten wollen. Der Reisende ist als umweltpolitischer Missetäter identifiziert worden und soll sich einer Quotenregelung für Fernflüge unterwerfen. Bei allem Respekt vor dem klimaschützenden Ansatz: Lasst Euch das Reisen nicht verbieten. Reisen ist wichtig! Es bringt Menschen zueinander. Sechs gute Gründe, warum Ihr Reisen sollt:

Toleranz und Horizont

„When you’re in Rome, do as the Romans do.“ Diese diplomatisch-pragmatische Toleranztugend übst Du nirgendwo sonst als auf Reisen. Verbringst Du Dein gesamtes Leben in Kleinkleckersdorf, kannst Du auch eine Menge Menschenkenntnis entwickeln, denn die Kleinkleckersdorfer sind ein Kosmos für sich. Trotzdem sind sie immer nur Kleinkleckersdorfer, geprägt durch ihre Sprache, ihre Religion, ihre Vereinszugehörigkeit. Die echte Varianz an Sitten und Verhaltensweisen erfährst Du in der Welt. Du begreifst, dass die Normen Deiner Dorfgemeinschaft in Tibet oder auf Kuba ziemlich absurd wirken würden. Sobald Du das erkannt hast, setzt Dein Verständnis für fremde Kulturen ein. Du wirst weltläufig. Gerade die heutigen Zeiten sind oft von Unsicherheit oder gar Ängsten gegenüber dem Unbekannten geprägt. Reisen kann diese Furcht vor fremden Kulturen abbauen helfen.

Der eigene Horizont erweitert sich auf Reisen unglaublich.

Selbsterkenntnis

„Und ewig grüßt das Murmeltier“. Nach diesem Muster laufen unsere Tage nur zu gern ab. Der Wecker klingelt immer zur gleichen Zeit, wir machen immer die gleichen Handbewegungen, haben unsere Redensarten, unsere Strategien für routinegewordene Probleme, unsere festen Essens- und Schlafenszeiten. Nur keine Aufregung! Keine Pannen, keine Unabsehbarkeiten. Dieses routinierte Alltagsglück stutzt uns die Flügel. Irgendwann, wenn Dich einer fragt, wer Du bist, kannst Du nur noch die Personalien Deines Ausweises vorlesen. Höchste Zeit, zu reisen! Reisen ist der direkte Weg zur Selbsterkenntnis. Der Flieger geht nicht rechtzeitig. Dein gebuchtes Hotel ist wegen Renovierung geschlossen. Du trinkst Kaffee mit einem Passanten, den Du nach dem Weg gefragt hast. Und am Abend stehst Du plötzlich vor dem schönsten Sonnenuntergang Deines Lebens. Du bist enttäuscht, frustriert, aufgeregt, glücklich. Du musst Geduld beweisen, plötzlich auftretende Probleme lösen und eine innere Haltung entwickeln, die Dir hilft, weiterzumachen. Lauter Übungen, für die Spitzenmanager teure Seminare belegen. Auf Reisen lernst Du Dich kennen. Auf Reisen formst Du Dich. Du kommst raus aus Deiner Komfortzone und machst neue Erfahrungen!

Plane Deinen Weg zur Selbsterkenntnis – Reise!

Zeitverschiebung

Als Kind kam Dir die Zeit groß vor, die Sommerferien endlos. Ebenso weit erschien Dir das Grundstück, der Garten, in dem Du gespielt hast. Neulich bist Du wieder an dem Haus Deiner Kindheit vorbeigefahren, hast in den Garten geschaut und Dich gewundert, wie klein er ist. So schmal wie die davonfliegenden Wochen Deines Alltags. Reisen stößt ein neues Zeitfenster auf. Du änderst Deine Gewohnheiten. Du siehst einen anderen Himmel. Du sprichst neue Sprachen und erfährst andere Blickweisen auf die Welt. Vielleicht liegst Du auch nur an einem Strand und lauscht dem Wellenrauschen. Die Zeit dehnt sich und speist Deine Erinnerung mit Eindrücken, die lange nachglänzen, wenn Dein Alltag wieder grau zu werden beginnt.

Entspannung

Brocken-Benno ist mehr als 8.000 mal auf seinen Hausberg geklettert. Wenn Du Deine Reisen etwas relaxter angehst, ist das auch in Ordnung. Für manche Leute sollte das Reisen geradezu ärztlich verordnet werden. So eine richtige Stütze der Gesellschaft nutzt sonst ihren Urlaub als Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln. Endlich Zeit, das Haus neu zu verputzen oder die Steuererklärung zu machen. Einziges Gegengift: Verreisen. Am besten in ein Funkloch, wo nur die Zikaden zirpen und naturentspannte Menschen karaffenweise Rotwein ausschenken. Lege Dich in die Hängematte, vergiss Smartphone und Social Media und gib Dich endlich der köstlichen, herzerquickenden Ruhe hin …

Vergiss Dein Smartphone und entspann Dich. Mehr zu Digital Detox findest Du hier

Mitreden

Böse Zungen behaupten, dass die meisten Menschen nur verreisen, um nachher darüber zu reden. Wahrscheinlich haben sie Recht – aber was ist daran schlimm? Der Mensch ist ein kommunikatives Wesen und hat das Wunder der Sprache erfunden, damit er anderen seine Erfahrungen mitteilen kann. Die Mitteilungen können auf eine furchtbare Angeberei hinauslaufen oder eine gigantische Meckerei über schlechte Hotels, miserables Essen und überzogene Preise. Diese Art von Erzählern werden durch Nichtzuhören bestraft. Am schlimmsten in einer solchen Runde von Meckerern und Reiseangebern ergeht es allen Menschen, die selber nichts beizutragen haben – denn sie vergehen vor Langeweile. Bist Du selbst auf Deine Weise in der Welt herumgekommen, kannst Du die Banausen in die Schranken weisen, indem Du ein paar Anekdoten zum Besten gibst, die interessant, witzig oder selbstironisch sind. Reisen bildet. Und Von-Reisen-erzählen bildet auch.

Heimkommen

Unter Buddhisten kursiert eine Geschichte. Ein Mann hat einen Traum. Es träumt ihm, dass er in die Welt hinaus geht und einen sagenhaften Schatz findet. Dieser Traum geht ihm nicht aus dem Kopf, also verlässt er eines Tages seine Familie, um den Schatz zu suchen. Jahrelang läuft er erfolglos durch viele Länder, bis er auf einen Weisen trifft, der ihm eine Wegbeschreibung zum Schatz verrät. Der Mann folgt dieser Beschreibung und landet – zu Hause! So kann es Dir ergehen, wenn Du viele Wochen durch fremde Länder gereist bist. Du hast die Abenteuer dieser Welt bis zur Neige gekostet. Jetzt klopfst Du Dir den Staub aus der Kleidung und bist daheim. Wie schön ist es hier! Wie wichtig die Familie, wie nett die Nachbarn. Wie wohlgeordnet der Verkehr. Heimische Werte werden durch eine Reise aufgefrischt. Und das ist gut so!

Den Menschen das Reisen verbieten? – Das ist ähnlich aussichtsreich wie ein Verbot des Schwimmens für Fische. Reisen ist uns ein natürliches Bedürfnis, denn es formt uns und macht die Menschheit erst zur Gemeinschaft. Und noch ein Wort an die politisch Korrekten: Du kannst auch mit kleinem ökologischen Fußabdruck die Welt erkunden. Und genau das solltest Du so viel wie möglich tun! Wie Benno Schmidt, der mit fast 87 Jahren immer noch den Gipfel stürmt und dem wir zurufen: „Benno, still going strong!“

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