Reisen bildet – bildet Reisen wirklich?

Grundsätzlich ist der sehr verkürzte Spruch Goethes natürlich nicht richtig. Daher sagte er auch nicht lediglich „Reisen bildet“, sondern „die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“. Sicherlich merkst Du schon, worauf hier Goethes Betonung lag. Es muss sich, damit Reisen wirklich bildet, um einen „gescheiten Menschen“ handeln. Damit ist bestimmt nicht der wahllos konsumierende Mensch im Zeitalter des Massentourismus gemeint. Vielmehr ist wohl die Person gemeint, die sich individuell „auf den Weg macht“, um ihre Persönlichkeit zu bereichern und ganz bewusst neue Erkenntnisse zu sammeln.

Freiheit - bildet reisen?

Was ist Bildung?

Es kommt natürlich immer darauf an, was der Einzelne unter dem Begriff „Bildung“ versteht, da eine einheitliche Definition nicht existiert. Jeder Mensch hat nämlich eine andere Vorstellung davon, was Bildung ist. Bildung umfasst beispielsweise Intellektualität, Kultiviertheit und Wissen ebenso, wie die Entwicklung der eigene Persönlichkeit. Eines jedoch ist unbestritten: Reisen in seiner individuell erlebten Form, der Umgang mit anderen Menschen und Kulturen, verändert jeden, der mit sprichwörtlich „offenen Augen“ und weitem Herzen die Welt auf seinen Reisen betrachtet.

Bildung, so könnte man sagen, besteht aus vielen verschiedenen Parametern wie beispielsweise auch der Bereitschaft, mehr über sich und die Welt als Ganzes zu erfahren. Eng damit verknüpft ist der Wille, sich auch auf diese Erlebnisse einzulassen. Nur so kann nämlich der Reisende neue Erfahrungen und damit Erkenntnisse erlangen.

Die Erweiterung des eigenen Horizonts ist ebenso ein Bestandteil. Denn Reisen, richtig verstanden, ermöglicht es, Fragen zu stellen. „Was weiß ich wirklich, und was verstehe ich überhaupt?“ Damit geht ein kritisches Hinterfragen von bisher Übernommenem und Gehörtem Hand in Hand. Das beinhaltet ebenso die Reflexion moralischer Ge- und Verbote, die eigenen Vorstellungen von dem, was falsch und richtig, Gut und Böse ist.

Weltkarte - Bildet reisen?

Bildung umfasst auch den tiefen Respekt vor der Freiheit des anderen, anders zu denken und zu empfinden als man selbst. Während des Reisens ist es die Begegnung mit anderen Mentalitäten und Kulturen, anderen Werten, Vorstellungen, Sitten und Gebräuchen und anderen Religionen, die diese Eigenschaft wie bei keiner Aktivität sonst entwickelt und fördert. Bedingung hierfür ist natürlich, dass der Reisende es zulässt.

Selbsterkenntnis als Bereicherung

Die Selbsterkenntnis, als Teil der Bildung, die aus den verschiedenen Begegnungen folgt, ist ebenfalls ein Resultat des richtig verstandenen Reisens. Daraus können Antworten auf so wichtige Fragen folgen wie „wer bin ich?“ und „was möchte ich wirklich?“. Je mehr sich dabei der reisende Mensch von seinem Selbstbildnis löst, desto mehr lernt er, dass, wie schon der griechische Philosoph Heraklit wusste, „alles fließt.“ Denn Gefühle, Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse unterliegen einem ständigen Wandel. Auf diese Weise steht derjenige, der sich auf den Weg macht, in einem ständigen Dialog mit sich. Dies ermöglicht Erneuerungen. Der „gescheite Mensch“ hat so die Möglichkeit, Altes zu verwerfen und in der Gegenwart Neues zu erschaffen. Das ist ein Bildungserlebnis im wahrsten Sinne des Wortes, denn damit findet ein lebendiger Schaffensprozess statt. Dieser lässt mit mit einem gewissen Mut Unbekanntes nicht nur zu, sondern heißt es geradezu willkommen.

Individuelles, wahrhaftiges Reisen ermöglicht natürlich auch die Bildung des Herzens. Das Zusammentreffen mit den verschiedensten Menschen und Kulturen erlaubt dem Reisenden ein intensives Beobachten dauernder Veränderungen, denen auch sein eigenes Dasein unterworfen ist. Dieses, um bei Goethe zu bleiben, „Stirb und werde“ führt dem „Gescheiten“ sein eigenes Leben wie einen Spiegel vor Augen und kann zu großem Respekt sowie Mitgefühl und Einfühlungsvermögen führen. Das Entwickeln solcher Eigenschaften bringt eine große Lebensqualität hervor, denn diese Charakterzüge fördern das innere Wachstum und machen reich.

Aussicht - bildet reisen wirklich?

Richtiges Reisen ist die beste Lebensschule dieser Welt. Also doch: Individuelles Reisen bildet!

Veränderungen zulassen, Grenzen überschreiten, nie gekannte Inspirationen erfahren: Bei welcher Aktivität gelänge dies umfassender, detaillierter und prägnanter als während des Reisens! Und in der Zeit, in der Du neugierig alle Eindrücke aufsaugst, wirst Du erleben, wie Recht Konfuzius hatte, als er sagte „der Weg ist das Ziel“. Die Erweiterung Deines Horizonts wird dabei zu einer nie geahnten Vergrößerung Deiner Lebensqualität führen und Dich im wahrsten Sinne des Wortes bereichern. Vielleicht wirst Du Freundschaften auf der ganzen Welt schließen und Fremde zu Freunden machen.

Gleichzeitig entdeckst Du nicht nur ferne Länder, sondern trittst auch die Reise zu Dir selbst an, zu Deinem eigenen bis dahin unbekannten „Ich“. Reisend entkommst Du aber auch einer eintönigen Routine, die immer Stillstand und damit Rückschritt bedeutet. Denn das Meistern von Herausforderungen und das Hinauswachsen über sich selbst bedeuten das wahre Glück.

Freiheit auf Reisen - Bildet Reisen?

Eventuell erlebst Du auch eine große Dankbarkeit über die Standards, die Du genießen darfst, während Du die Erfahrung machst, was Menschen in den verschiedenen Regionen der Welt alles entbehren müssen. Sie nehmen möglicherweise jeden Augenblick ganz bewusst wahr und leben im Hier und Jetzt.

An neuen Herausforderungen wachsen

Wahrscheinlich wirst Du gelassener und nimmst Herausforderungen offen an! Denn das Reisen stellt Dich vor immer neue Aufgaben, nicht nur hinsichtlich der Organisation. Du wirst unbekannte Orte besuchen, die von Dir ein flexibles Einlassen auf neue Gegebenheiten fordern. Immer, wenn Du eine Situation gemeistert hast, wirst Du mit einem glücklichen Gefühl belohnt, und Du wirst stolz auf Dich sein! Jeder Tag wird neue Überraschungen und Situationen bereit halten, für die Du eine Lösung finden musst. Dementsprechend lernst Du, das Leben so zu nehmen, wie es kommt und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen, sondern, im Gegenteil, an ihnen zu wachsen.

Bleib also neugierig und abenteuerlustig! Betritt Pfade, die noch unentdeckt sind, denn so wirst Du vielleicht Orte erkunden, die in keinem Reiseführer genannt werden. Genau diese Plätze jedoch könnten für Dich die schönsten sein. Geh unbefangen auf die Menschen zu, denn vielleicht sind sie imstande, Dir eine andere Sicht auf die Dinge zu vermitteln und Dich damit besonders zu bereichern.

Fazit

Mache Dich auf zu „neuen Ufern“, und erfahre die Wahrheit, die in den Worten „Reisen bildet“ liegt. Der Urvater unseres heutigen Bildungsbegriffs war wohl Wilhelm von Humboldt, der von 1767 bis zum Jahre 1835 lebte. Er definierte, verkürzt, die Idee der Bildung als die „Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit und Individualität führen“.

Airstream, USA - Bildet reisen?
Auf zu neuen Horizonten

Genau dies ist auch der Sinn des Bildungs- Reisenden. Dabei ist kein Buch und kein Film imstande, das heute oft im Munde geführte „lebenslange Lernen“ so effektiv, klar und direkt zu vermitteln, wie das Reisen und damit das Erlebnis anderer Kulturen, Menschen, Gebräuche und Religionen. Reisen gestattet Dir, einen „Blick über den Tellerrand“ zu werfen. Reisen ist darüber hinaus auch etwas sinnlich Erfahrbares, denn Du nimmst die Mentalität des jeweiligen Landes (beispielsweise beim Essen) mit all Deinen Sinnen auf.

All diese Aspekte werden Dir einmal mehr die Wahrheit dieser zwei kleinen Wörter vermitteln: Reisen bildet!

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